… ein kleines Malheur heute Morgen: Mein schöner Frühstücksteller ist mir beim Abtrocknen derart unglücklich entglitten, dass er genau auf die harte Ecke meiner Spüle fiel und dort in gefühlte „tausend Scherben“ zerbrach. Ich reagierte erstaunlich gelassen, fast verwundert über mich selbst, klaubte die Scherben auf und übergab sie dem Mülleimer. >>
Was ich da noch nicht wusste, nicht wissen konnte: Es war sozusagen als Puffer eine kleine Vorübung für die seelische Belastung, die anschließend folgen sollte.
Nachdem ich dem morgendlichen, überlauten Krächzen einer Säge zunächst keine weitere Beachtung schenken wollte — auch, um mich selbst ein wenig zu schützen — musste ich beim Verlassen der Wohnung nun doch genauer nachschauen, woher dieses unerträgliche Kreischen kam.
Als ich bei mir um die Ecke den Hinterhof einsehen konnte, stockte mir der Atem: Tatsächlich haben sie mir nichts dir nichts die wunderbare, sehr große Tanne einfach abgesägt. Einfach so. Vielleicht hat sich jemand beschwert, dass er nicht mehr von A nach B sehen kann, oder wem sonst sind die fallenden Nadeln lästig gewesen — oder ja: vielleicht war sie „einfach zu groß“. Und so kann Größe dann zum Problem werden.
Aber warum muss ein Baum dann immer gleich ganz unten abgesägt werden?
Diese Frage habe ich vor geraumer Zeit auch einmal direkt der Stadtgärtnerei gestellt. Eine Antwort habe ich — richtig — „natürlich“ nicht erhalten. Unbequeme Fragen werden in diesem Land offenbar nicht mehr wirklich beantwortet.
Für mich hat sich das wie eine kleine Amputation angefühlt.
Und ohnehin verschwinden so viele Bäume — ich kann es immer nur fassungslos und ohnmächtig zur Kenntnis nehmen.
So sägen wir ganz sprichwörtlich an dem Ast, auf dem wir alle sitzen. Niemand versteht es, niemand kümmert sich. Seit Jahrzehnten haben wir die Köpfe nicht mehr wirklich frei, um wahrnehmen zu können, was zählt und besonderer Achtsamkeit bedarf.
Ich werde unverdrossen — und jetzt erst recht — mein kleines (öffentliches) Grün vor meiner Haustür mit besonderen „Kaffee-Wasser-Gaben“ versorgen, so wie meine Pflanzschalen, in denen wachsen darf, was die Natur dort wachsen lassen möchte. Meine Namensvettern danken es mit zahlreichen Besuchen: Als ich neulich gelüftet hatte, konnte ich ein zankendes Amselpärchen beobachten. Sie hockten auf meiner Pflanzschale, und ich dachte schon, sie würden meine Wohnung auch noch inspizieren. Davon haben sie dann aber doch Abstand genommen und sich weiter zankend wieder verabschiedet.
Von Martin Luther stammt wohl der Satz:
„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“
Und den Indianern wird zugeschrieben:
„Wenn der letzte Baum gefällt, der letzte Fluss vergiftet und der letzte Fisch gefangen ist werdet ihr erkennen, dass man Geld nicht essen kann.“
lgc
Mi 25.Feb.2026